Diskussion über diese Post

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Avatar von Martin Tscherner

Der Text erinnert zu Recht daran, wie klar Habermas die demokratischen Defizite der europäischen Integration beschrieben hat. Die EU ist lange stärker als Wirtschaftsraum gewachsen als als politisches Gemeinwesen. Seine Forderung nach einer europäischen Öffentlichkeit und einer transnationalen Demokratie wirkt deshalb bis heute erstaunlich aktuell. Der Rückblick erscheint allerdings etwas zu pessimistisch. Europa wirkt im Essay fast wie ein Projekt, das seine historische Chance in den 1990er Jahren verpasst hat und seither in Ratlosigkeit verharrt. Dabei zeigt die Geschichte der europäischen Integration ein anderes Muster: Politischer Fortschritt entsteht selten aus Begeisterung allein. Häufig braucht es erst Krisen oder strukturellen Druck, damit vorhandene Ideen überhaupt politisch wirksam werden. Vielleicht liegt die eigentliche Dynamik Europas gerade darin: Es bewegt sich selten aus Begeisterung, sondern aus Notwendigkeit. Gerade der Krieg in der Ukraine, die Unsicherheit über die Rolle der USA und die geopolitischen Verschiebungen erhöhen den Druck zu mehr europäischer Handlungsfähigkeit. In diesem Sinne könnte die gegenwärtige Situation weniger das Ende eines Projekts markieren als einen jener Momente, in denen sich europäische Integration aus praktischer Notwendigkeit neu formiert.

Avatar von Andy

Jürgen Habermas hat sich akademisch an der "bürgerlichen" Ideologie abgearbeitet in einer Art und Weise. dass diese sehr vernünftig erschien, und heute er selbst oftmals mit dieser identifiziert wird. Die kritischen Räume zu eröffnen, das war natürlich Programm. Warum Europa gegen den Nationalstaat gedacht wird, das entzieht sich mir, das ist doch naiver Euroföderalismus.

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